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Dacora Dignette

Da war ja noch was, was ich vom Flohmarkt mit gebracht hatte: Eine Dacora Dignette in der Variante mit dem Vario-Shutter und einem "dignar" als Objektiv. Letzteres heißt einfach nur, dass die das damals irgendwo eingekauft und ihren Namen drauf gepappt haben. Das war ja damals in den 1950ern so eine Sache: Die Leute hatten wieder Geld in der Tasche, vor allem Geld, für das man sich was leisten konnte, und alle wollten Fotos machen. In der Zeit zwischen 1950 und 1960 sind ja einige deutsche Hersteller wie Pilze aus dem Boden geschossen und danach auch ungefähr in der gleichen Geschwindigkeit wieder verschwunden. Ich weiß jetzt gerade gar nicht, was aus Dacora geworden ist, aber ich glaube, die haben es auch nicht bis in sie 1970er geschafft. Ah, doch, so gerade.

Witzig ist in diesem Zusammenhang, dass viele Dacora-Kameras auf der anderen Seite des Kanals unter dem Namen Ilford verkauft wurden. Ja, genau, die Ilfords, die heute noch Film machen. Also, viel mehr als der Namen und ein paar Maschinen sind wahrscheinlich auch nicht davon geblieben, nachdem die ja Anfang der 2000er mal pleite waren, aber: Die halt! (Den schweizer Teil von Ilford hat ja wohl Adox gekauft.)


Aber zurück zur Dignette: Typische für die mittleren bis späten 1950er ist, dass man nie so ganz sicher sein kann, welche Version man hier tatsächlich vor sich hat. Das ganze wird dadurch noch erschwert, dass der Vorbesitzer scheinbar ein paar Modifikationen vorgenommen hat. (Hatte ich erwähnt, dass ich die Kamera für einen Euro mit genommen hatte, im sie vor der Mülltonne zu bewahren?) Da ist zum einen der Vario-Verschluss, den es ja damals an diversen Kameras gab. Die Dinger wurden scheinbar in Massen gefertigt und jeder, der einen haben wollte, konnte sich einen vom Grabbeltisch nehmen. Oder so ähnlich stelle ich mir das vor: Aufbruchstimmung im Wirtschaftswunderland! ;-) Wie schon erwähnt: Dignar sagt eigentlich gar nichts aus, wer weiß, wer die Linsen für diese Optik geschliffen hat. Scheint aber ein ganz normales Dreilinser zu sein, wie es für die Zeit typisch ist. 45mm ist einigermaßen normalbrennweitig, sodass man einen "normalen" Bildausschnitt erwarten kann, f/3,5 ist für die damalige Zeit auf einer Knipsomaten-Kamera auch normal. Es gab durchaus schnellere Varianten mit f/2,8, aber die waren teurer. Zusammengefasst: Das hier war eine der möglichen Kameras, die sich der durchschnittliche Arbeiter leisten konnte, wenn er mit seinem brandneuen Käfer nach Rimini fuhr. Solide, ohne Schnickschnack, funktioniert einfach, und man konnte Bilder von brauchbarer Qualität erwarten. (Man hat damals ja nicht so gigantische Abzüge gemacht wie heute. Außerdem geht der Verschluss ja nur bis 1/200s, was selbst bei einem 100er-Film gerne mal zu Blende 8 bis 16 führt, da kann man schon erwarten, dass ab einer gewissen Entfernung automatisch eh alles scharf ist.) (Aus welcher Zeit diese Kamera stammt, merkt man auch daran, dass das Rad oben drauf nur bis 23° geht und nicht mal ISO 200 entspricht (24⁼ DIN), dafür aber bei 10° anfängt, also ISO 8! Es gab einfach keine schnelleren Filme!)

Ach ja: Modifikationen, damit hatte ich eigentlich angefangen! Das schwarz da um das Objektiv ist, soweit ich das sehe, nicht original, sondern nachträglich aufgebracht - was auch erklärt, weshalb es rund um den Auslöser, der übrigens vorne an der Kamera angebracht ist, weil man der Meinung war, dass man so weniger schnell verwackeln würde, total abgeblättert ist. Ich muss mal überlegen, ob ich das Bauteil irgendwie ab bekomme, den Rest der Farbe mit dem Heißluftfön runter bekomme und dann, ja dann? Wieder schwarz lackieren? Aufpolieren und silbern lassen? Dann sähe die Kamera vielleicht einigermaßen so aus, wie ihre Geschwister im Internet. Andererseits ist das ja auch langweilig. Vielleicht sollte ich sie aber auch in diesem Zustand erhalten, wie sie jetzt ist: Gut genutzt!


Was ich aber auf jeden Fall machen muss: Der Verschluss funktioniert zZt nur bei 1/200s. Die beiden langsamen Zeiten (1/50s und 1/25s) sowie B schnappen den Zentralverschluss zwar auf, aber nicht wieder zu. Das kenn ich ja, diese alten Zentralverschlüsse sind sehr anfällig für den Schmutz, der da mit der Zeit durch die Schlitze eindringt. Außerdem trocknet das, was auch immer die da damals zur Lagerung rein gemacht haben, über die Jahre (immerhin bald 70) aus. Ich habe festgestellt, dass ein quick-and-dirty-fix dafür das gute Teslanol Faderlube ist, das ich hier für die Potis in meiner Stereoanlage habe. Keine Ahnung, ob das auf die Dauer die Feinmechanik auffrisst, aber es spült sowohl den Schmutz als auch die Oxidation aus und verdünnt die Schmierung wieder so weit, dass die Zeiten normalerweise danach wieder einigermaßen präzise laufen. Liebe Kinder: Macht das nicht nach, denn ich habe keine Ahnung, was ich hier tue! ;-) Außerdem ist das Zeug sehr flüssig und kriecht gerne überall hin. Zum Glück verdampft es aber auch innerhalb von Minuten bis Stunden wieder, sodass ich die Hoffnung habe, dass es nicht auf die Linsen läuft.

Ansonsten ist das arme Stück auch in nicht so gutem Zustand: Nicht nur, dass das Frontelement nicht mehr bei Unendlich anschlägt, weil sämtliche Justage-Schrauben fehlen, offenbar hat auch jemand versucht, die Ringe innen wie außen zu lösen, um an die Verschlusslamellen zu gelangen. Ja, die sind dreckig, aber solange die funktionieren, würde ich solche extremen Maßnahmen eher umgehen wollen. Die Linsenelemente sind nämlich so mit Klarlack verklebt, dass auch der Vorbesitzer einsehen musste, dass das nichts wird. Stattdessen hat er einige unschöne Kratzer im schwarzen Lack hinterlassen.


Außerdem greift die Kupplung vom Spannhebel nicht immer (oder praktisch nur jedes zweite Bild), daraufhin wurde versucht, auch den Deckel zu lösen, der wackelt nämlich. Zum Glück scheint die Person auch da recht früh gescheitert zu sein, aber nicht ohne nicht den Knopf mit der Anzeige der verbliebenen Fotos oben drauf total verkratzt zu haben. (Wie ich dieses Problem gelöst habe, könnt ihr im Folgebeitrag lesen.)

Fazit: Mit einer eher schwachen Lichtstärke und nur drei Zeiten ist diese Kamera rudimentär. Aber trotzdem meiner Meinung nach ein Stück Zeitgeschichte. Ich mein: 70 Jahre (fast), das ist eine lange Zeit und man sieht sie ihr an. Aber ich habe ein Herz für alte Kameras. Deswegen habe ich ihr Asyl gewährt. Mal sehen, ob ich da jemals wieder Fotos raus bekommen werde!