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9/11

Kaum ein anderes Ereignis hat wahrscheinlich die Politik und Gesellschaft des frühen 21. Jahrhunderts so sehr beeinflusst wie zwei brennende Hochhäuser in New York, nachdem ein paar Terror-Fanatiker diverse Flugzeuge entführt und gezielt als Waffe eingesetzt hatten. Das ist jetzt tatsächlich schon 25 Jahre her und es kommt mir noch immer vor wie gestern. Das geht wahrscheinlich vielen so, die 2001 miterlebt haben.

Zudem glaube ich fest, dass das wahrscheinlich auch das Ereignis war, mit dem der ganze Kladderadatsch angefangen hat, den wir zur Zeit noch immer ausbaden. Also, nicht wortwörtlich - mein Geschichtslehrer hat schon immer gesagt, dass dieser eine Moment meist nur im Rückblick so erscheint, dass es immer vorhergehende und nachfolgende Entwicklungen gegeben hat. Um mal ein anglophones Sprichwort ein bisschen abzuwandeln: "Rome didn't fall in a day." Aber dies war der Moment, der zu so viel Leid und Hass geführt hat, der die USA und mit ihnen die westliche Welt für die kommenden Jahre geprägt hat. Selbst Corona und die globale Finanzkrise haben meines Erachtens nicht so einen Impakt gehabt, um nur mal zwei der Probleme zu nennen, die wir seitdem hatten.

9/11 hat sich so ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass es jahrelang das politische Handeln von Profis (Politikern, Wissenschaftlern, Analysten...) wie Laien (aka. der gemeine Wähler) beeinflusst hat. Nachdem in den '90ern das kollektive Feindbild des bösen Sowjet-Russen weg gefallen war, gab es jetzt (endlich) ein neues: Der islamistische Selbstmorattentäter, der hunderte oder gar tausende Menschen mit in den Tod reißt. Ich schreibe bewusst "endlich", denn in den '90ern waren wir schon ein bisschen naiv, dachten, die Welt würde endlich Frieden finden. Hier war etwas, das vereinte und Richtung gab. Und so folgten alsbald die üblichen Reaktionen, die das menschliche Handeln seit wir aus den Bäumen in die Savanne Afrikas hinab gestiegen sind, prägt: Drauf hauen, statt zu reflektieren, wo denn dieser schier grenzenlose Hass auf den Westen her kommt!

Ein paar Kriege später ist die Welt alles andere als rosig und die Aussichten sehen nicht besser aus. Zudem ist der alte Bär im Osten auch wieder auf dem Kriegspfad. Einstige Partner sehen mit Misstrauen über den Teich. Europa ist zerstritten wie nie. Flüchtlinge, Klimakrise, Korruption. Und zwar alles auf einmal in einem News Cycle, der auf Schleudergang steht, verstärkt durch die Techbros und ihre Sozialmedien, bei denen nur die Klicks zählen, gefüttert von einer seelenlosen KI, die Gut und Böse, Recht und Unrecht, "tatsächlich korrekt" und "nur wahrscheinlich" prinzipbedingt nicht unterscheiden kann. (Der Aufstieg der künstlichen Intelligenz hat mich alten Atheisten bald davon überzeugt, dass der Mensch - und so ziemlich jedes andere Lebewesen - doch eine Seele hat. Wenn wir alle doch nur Chemie und Physik wären, die aus unerfindlichen Gründen eine Idee von Ich entwickelt haben, was bedeutet das dann für sinnvoll klingenden Unsinn verzapfende Rechenzentren? Aber das ist eine Frage für Philosophen.)

Was sollten die Lehren aus dem Versagen der Menschlichkeit auf so spektakulär hohem Niveau sein? Mehr Gerechtigkeit auf der Welt zum einen. Mehr Bildung. Mehr Empathie, mehr Kommunikation. Eben mehr Menschlichkeit. Der Ruf nach Rache ist nachvollziehbar, nach Strafe für ein ungeheures Verbrechen. Auch dieses Verlangen ist zutiefst menschlich. Die Lösung kann aber nicht sein, immer radikalere Forderungen zu stellen, immer extremere Extremisten in Macht und Amt zu bringen. Wir alle haben nur diese eine Erde, die wir uns teilen, und nur dieses eine Leben. Es ist zu wertvoll, es mit Hass zu verschwenden! Ein bisschen dieser '90er-Jahre-Naivität würde uns vielleicht allen ganz gut tun und ein bisschen Druck aus dem Kessel nehmen. Wer spirituell veranlagt ist, kann es auch mal mit der altmodischen Vergebung versuchen, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben. Aber auch das ist eine Frage für Philosophen.

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